Das verworrene Konzept der „Spiegelneuronen“

Spiegelneuronen­ sind eines jener Konzepte, das als Erfolg der Neurowissenschaften herhalten muss. Ich finde es ziemlich verworren, mir vorzustellen, es gäbe Neuronen in mir, die...

...wahrgenommenes Verhalten spiegeln können. Wissenschaftlich kann als gesichert gelten, dass in den gleichen Hirnregionen erhöhte Aktivität nachgewiesen werden kann, ob ich nun z.B. mich selber am Kopf kratze, oder ob ich nur beobachte, dass jemand sich am Kopf kratzt. Es liegt mir fern, dieses Forschungsergebnis in Frage zu stellen. Je genauer ich aber hinschaue, desto schwieriger wird es mit seiner Interpretation. Das Forschungsergebnis bezieht sich auf mehr oder weniger grosse Bereiche von Hirnarealen. Wenn es nun tatsächlich genau die gleichen Neuronen wären, die in beiden Fällen aktiv sind, dann würde das Konzept der Spiegelneuronen in sich zusammenfallen. Wie sollten den diese Neuronen „wissen“, was „Kopfkratzen“ bedeutet. Und wie sollen sie wem was spiegeln? Trotzdem Verworrenen, das mit diesem Konzept zusammenhängt, wird in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen von Spiegelneuronen gesprochen.

 

Ich gebe zu, dass diese Verwirrung im Zusammenhang mit den Neurowissenschaften viel weiter verbreitet ist, als nur im Zusammenhang mit Spiegelneuronen. Immer und immer wieder "tut das Gehirn etwas", "bewertet die Amygdala Gefahren und reagiert darauf", "plant und steuert das Kleinhirn die Feinmotorik", "verursachen schlecht funktionierende Speigelneuronen den Autismus" usw. Was an all diesen Aussagen so verworren ist, wird in der Philosophie mit dem sogenannten mereologischen Fehlschluss beschrieben. In diesem Fehlschluss werden einem Teil einer Person Eigenschaften oder Fähigkeiten zugerechnet, die nur von der Person als Ganzes ausgesagt werden können. Wir kratzen uns am Kopf (willentlich oder unwillkürlich), nicht unsere Hand, wir nehmen (bewusst oder unbewusst) wahr, was eine Drittperson tut (nicht Spiegelneuronen), wir reagieren auf Gefahren (nicht die Amygdala), wir haben feinmotorische Fähigkeiten (nicht das Kleinhirn) usw. Dass dabei jeweils bestimmte Nervensubsysteme, bestimmte Organe, bestimmte Bereiche des Bewegungs-"Apparates" usw. eine wichtige bis unabdingbare Rolle spielen, ist unbestritten, aber diese Subsysteme und Körperbestandteile können für sich genommen fast gar nichts.

 

Wäre es nicht viel einfacher, wieder von Empathie zu sprechen, und nicht von Spiegelneuronen. So wissen wir wenigsten, dass es sich um eine Fähigkeit handelt, die uns als ganze Person zukommt. Konzepte wie jenes der Spiegelneuronen tendieren dazu, uns aus der Verantwortung zu nehmen. Wir können dann vorgeben, bestimmte Nerven hätten dies oder jenes getan oder unterlassen, nicht wir. Aber wo landen wir denn da? Ich verliebe mich nicht mehr, sondern das Gehirn schüttet Neurotransmitter und Neurohormone aus. Nicht ich bin es, der sich auf dem Hintergrund meiner Geschichte und im Zusammenhang mit meiner Lebenssituation niedergedrückt fühlt, sondern ein Serotonin-Mangel ist schuld. Am Schluss enden wir bei der Geschichte, die mir neulich ein Freund erzählt hat: Einer Haushälterin ist beim Wischen eine Vase runter gefallen. Und was sagte sie zum Auftraggeber, wer es hat getan habe? Natürlich der Besen… 

 

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